Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen und Heil verkündigen. Jesaja 52,7

Soll man Kinder religiös erziehen?

Ein Verzicht auf religiöse oder weltanschauliche Erziehung ist nicht ratsam.

Tragfähige ethische Werte basieren immer auf einer weltanschaulich-religiösen Grundlage. Jedes Kind saugt Wertvorstellungen auf, weil es Orientierung sucht. Eltern müssen entscheiden, welche Religion oder Weltanschauung sie ihrem Kind vermitteln wollen.

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Inhaltsübersicht


1. Werteerziehung, na klar! - religiöse Erziehung, nein danke!

Werteerziehung ist wichtig. Das sagen in der Regel auch diejenigen, die ihr Kind religiös nicht beeinflussen möchten. Ihr Motto lautet: "Werteerziehung, na klar! - religiöse Erziehung, nein danke!" Aber funktioniert das auch? Ich zweifle daran. Denn hinter jedem Wertesystem steht eine weltanschauliche oder religiöse Einstellung, die es plausibel macht, mit Sinn erfüllt und trägt. Vier Beispiele:

(1) Wer sich einem Gott verantwortlich weiß, der den Menschen nach seinem Bilde schuf (religiöse Überzeugung), für den muss die unantastbare Würde eines jeden Menschen ein hoher ethischer Wert sein (Wertesystem). Und wenn er seine weltanschauliche Prägung konsequent lebt, wird sich das spürbar auswirken, wo immer dieser Mensch einem anderen Menschen begegnet.

(2) Wer sich dem Humanismus verpflichtet weiß, ohne an Gott zu glauben (Weltanschauung), wird ebenfalls die Menschenwürde und Verfassungswerte des Grundgesetzes achten (Wertesystem).1

(3) Wer an eine Höherentwicklung der menschlichen Rassen im Sinne des Sozialdarwinismus glaubt (Weltanschauung), für den mag ein ungebremster Verlauf der Evolution ein wichtiger Wert sein (Wertesystem). Und konkret mag er bereit sein, an einem Programm teilzunehmen, das Vertreter minderwertiger Rassen ausrottet, hingegen Vertreter der fortschrittlichen Rassen begünstigt, wie vor 70 Jahren in Deutschland geschehen.2

(4) "Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot." Will sagen: Das Leben ist endlich. Es gibt keine bleibenden Werte oder Ziele (Weltanschaunng). Deshalb sollte man jeden Augenblick genießen, so gut es geht (Wertesystem). Die entscheidende Leitfrage ist: "Was bringt es mir?"

Religion bzw. Weltanschauung und Wertesystem hängen offensichtlich unmittelbar zusammen. Deswegen werde ich im Folgenden religiös-weltanschauliche Erziehung und Werteerziehung quasi als Paket betrachten und nicht mehr differenzieren. Weltanschaulich-religiöse Erziehung ist das Fundament jeder Werteerziehung.

Zwei Bemerkungen noch:

(1) Es ist nicht gesagt, dass einem Menschen bewusst ist, welche Weltanschauung ihn leitet. Ein Anlass, immer wieder neu nachzudenken!

(2) Es ist nicht gesagt, dass die Weltanschauung oder Religion, zu der sich jemand mit den Lippen bekennt, identisch mit der Weltanschaung ist, die sein Handeln prägt.3 Entscheidend sind letztlich die gelebten Werte, nicht die gepredigten.4

2. Vakuum-Effekt: Jedes Kind saugt Wertvorstellungen auf

Ist es überhaupt möglich, ein Kind unbeeinflusst von Religion, Weltanschauung oder Wertesystemen aufzuziehen? Ich denke nein. Vergleichen Sie ihr Kind mit einem unbeschriebenen Blatt, das Ihnen mit der Geburt anvertraut wird. Sie haben die Möglichkeit durch Erziehung, auch durch religiöse, etwas Schönes auf das Blatt zu schreiben. Wenn Sie diese Möglichkeit nicht wahrnehmen, werden andere das Blatt beschriften, denn Sie können Ihr Kind nicht im Kinderzimmer einsperren. Über Verwandte, Freunde, Kindergarten, Schule, Fernsehen und Internet begegnen dem Kind ständig irgend welche Wertevorstellungen und es wird davon geprägt, ob Sie das wollen oder nicht. Bildlich gesprochen: Andere beschriften oder beschmieren das Ihnen anvertraute Blatt. Das kleine Kind entscheidet nicht, es wird geprägt. Und da das Kind auf plausible und tragfähige Vorstellungen angewiesen ist, lässt es sich auch gerne "beschriften". Anders gesagt: Ihr Kind wird religiös erzogen werden, wenn nicht von Ihnen, dann von anderen. Wollen Sie das?

Und selbst wenn Sie jetzt anworten: "Ja, das ist mir recht!" - Dann möchte ich Ihnen drei Beispiele nennen, wozu ein konsequenter Verzicht auf Werteerziehung seitens der Eltern im Extremfall führen kann:

(1) Wenn das Kind die Katze mit dem Hammer traktiert, schaut die Mutter schweigend zu. Denn das Kind entwickelt seine Werte.

(2) Wenn der Teenager sich für den Satanskult entscheidet und dort Menschenhass und Zerstörungslust lernt, an blutigen Opfern teilnimmt, Drogen konsumiert und vom Satansmedium gedemütigt und sexuell missbraucht wird, zieht der tolerante Vater respektvoll den Hut. Sein Kind hat gewählt.

(3) Wenn der Jugendliche sich dem Islam in seiner radikalsten Form zuwendet und dort lernt, Grundwerte wie Religions- und Meinungsfreiheit zu verachten, wenn er im Namen Allahs auf einen militanten Einsatz vorbereitet wird, dessen Ziel der Umsturz der westlich-dekadenten Gesellschaft ist, sagt die liberale Mutter ja dazu.

Würden Sie auch in solchen Situationen ihr Kind weltanschaulich nicht beeinflussen wollen?

3. Erziehen, prägen, sich einmischen - aber wie?

Verantwortungsvolle Eltern werden auf die religiös-ethische Erziehung ihres Kindes weder verzichten können noch verzichten wollen. Dann aber heißt die Frage nicht mehr: "Will ich mein Kind religiös erziehen?" sondern: "Wie will ich mein Kind religiös erziehen?" Von welcher Weltanschauung soll sein Leben geprägt werden? Und welche Werte ergeben sich daraus? Traue ich dem christlichen Wertegefüge etwas zu, etwa den Zehn Geboten, der Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott, der Weisheit der Bibel, der Kraft des Gebetes, dem Gebot Nächstenliebe? Oder ist ein humanistisches Wertegefüge besser, in dem Grundwerte, Menschenrechte, Ehrfurcht vor dem Leben und Bewahrung der Schöpfung eine Rolle spielen, aber ohne Gottesbezug?5

Es wäre interessant an dieser Stelle darüber nachzudenken, welche weiteren ethischen Alternativen in unserer heutigen Gesellschaft angeboten und gelebt werden.

4. Das Kind entscheidet sich später sowieso selbst

Noch ein anderer Gedanke: Ganz gleich, wie ich mein Kind präge: Spätestens mit der Pubertät wird das Kind auf alle Fälle selbst entscheiden. Es wird an allem, was die Eltern ihm vermittelt haben, rütteln, es hinterfragen oder dagegen protestieren. Manches wird es scheinbar über Bord werfen und einige Jahre später wieder bejahen. Anderes wird es für immer ablegen. Wieder anderes wird es einfach übernehmen. Das Kind wird entscheiden.

Zum Abschluss des ersten Teiles noch ein Plädoyer: Wir sollten uns viel mehr über unsere Wertvorstellungen austauschen. Wir sollten den eigenen religiös-weltanschaulichen Hintergrund viel bewusster durchdenken.6 Und wir sollten neugierig nach dem entsprechenden Hintergrund unserer Mitmenschen fragen. Denn die Werte, die wir heute leben, bestimmen, in welcher Welt sich unsere Kinder morgen wiederfinden werden.

5. Glauben ist wie Atmen

Einen ersten Diskussionsbeitrag möchte ich hier gleich einbringen. Ich bin übrzeugter Christ. Und für mich ist Glauben so etwas wie Atmen: unverkrampft-natürlich, selbstverständlich, lebensfördernd, befreiend. Weil ich weiß, dass Gott mein Schöpfer ist, tut es mir gut, mit ihm in Verbindung zu bleiben und auf ihn zu hören. Wo ich mir etwas vortäusche und auf Abwege gerate, bin ich darauf angewiesen, dass er mich zurückholt. Ich lebe von seiner Vergebung und Geduld, die mir in Jesus begegnet. Und ich erlebe, wie diese Weltanschauung mein Leben lebenswert und wertvoll macht. Die Nähe Gottes strotzt vor tragfähigen ethischen Werten. An genau diese üppige Lebensweide möchte ich meine Kinder heranführen. Deshalb erziehe ich sie christlich.

1 Auch der Humanismus ist eine spezifische Weltanschauung und darf deshalb niemals als weltanschaulich neutral eingestuft werden.
2 Dass heute unter ganz anderen Labels ein ähnliches Wertesystem wieder aktuell ist, zeigt die gegenwärtige Diskussion rund um Abtreibung behinderter Kinder und Sterbehilfe bei schwer pflegebedürftigen Menschen. Hier wird unterschwellig unterschieden zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem menschlichen Dasein. Der australische Forscher Peter Singer geht dabei so weit, dass er dafür plädiert, bereits geborene schwerstbehinderte Kinder aus humanitären Gründen töten zu dürfen.
3 Wenn jemand z.B. überzeugt ist, dass die Umwelt geschont werden müsse und mit den Energieressourcen schonend umgegangen werden müsse, selbst aber nach Brasilien in den Urlaub fliegt, lebt er nicht konsequent seiner Weltanschauung gemäß.
4 Allerdings muss, bevor Werte gelebt werden können, erst eine entsprechende Überzeugung reifen. Aus gepredigten Werten entwickelt sich eine innere Einsicht, die wiederum zu konkretem Handeln animiert oder wenigstens ein schlechtes Gewissen hinterlässt.
5 Vermutlich ist eine Berufung auf die spätere Entscheidung des Kindes für die Religion seiner Wahl oft auch in diesem Sinne gemeint: "Ich bin dem christlich-kirchlichen Wertegefüge gegenüber eher skeptisch. Deswegen lasse ich mein Kind nicht taufen. Ich möchte ihm die Werte vermitteln, die mir wichtig sind (z.B. Menschenrechte). Und wenn das Kind später in die Kirche eintreten möchte, soll mir das recht sein." Gegen diese ehrliche Haltung ist nichts einzuwenden. Es handelt sich dabei aber nicht um einen Verzicht auf religiöse Werteerziehung.
6 Ob z.B. ein fehlender Gottesbezug eine fehlende Verbindlichkeit der Werte nach sich ziehen muss, so dass das Wertesystem in eine utilitaristische Beliebigkeit abgleitet.