Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19,10

Es gibt nur eine Kirche - und die kann man sehen

Weil Christus unteilbar ist, ist auch die Kirche unteilbar.

Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden ist eine Einheit. Dies ist eine geistliche, von Jesus Christus gesetzte Wirklichkeit, die unser Denken mehr leiten sollte, als sichtbare Trennung.

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Inhaltsübersicht


1. Einleitung

Wie selbstverständlich reden wir heute von Ökumene und meinen damit die weltweite Einheit aller Christen. Wie selbstverständlich reden wir auch von den Kirchen und meinen damit die übergreifenden organisatorischen Einheiten, in die sich die Christenheit weltweit unterteilt, z.B. die Römisch-katholische Kirche, die anglikanische Kirche oder die evangelisch-lutherische Kirche. Ebenso selbstverständlich halten wir die jeweilige Kirchenorganisation für eine Realität, während die Ökumene eher als eine Idee betrachtet wird, die allenfalls angefangen hat, Wirklichkeit zu werden. Wir wünschten, die Ökumene wäre schon weiter, und beklagen das zurückhaltende, ja bremsende Verhalten so mancher großen Kirche.

Ich möchte heute diese Denkweise grundsätzlich hinterfragen, den Begriffen auf den Grund gehen, die biblischen Grundlagen ansehen sowie die aktuelle kirchliche Landschaft analysieren. Ich möchte Sie zu einer alternativen Sichtweise anstiften, zu einem sehr alten, für uns Heutige allerdings scheinbar neuen Kirchenverständnis. Und ich möchte zeigen, worin sich ein entsprechender Bewusstseinswandel konkret niederschlagen könnte, und welche Früchte daraus hervorgehen könnten.

2. Die übliche Sichtweise: konkurrierende Kirchen

Wie sieht ein überzeugter Protestant üblicherweise seine Kirche? In etwa so: "Ich bin froh, evangelisch zu sein. Das ist meine Kirche, meine geistliche Heimat. Grundsätzlich bin ich für Ökumene. Natürlich sind Katholiken auch Christen. Aber das ganze römisch-katholische Kirchenwesen ist mir zutiefst suspekt. Es kommt mir - bei aller Freundschaft – oft sehr oberflächlich, sehr theatralisch, viel zu machtorientiert und manchmal auch ziemlich verlogen vor. Deshalb besuche ich auch keine katholischen Messen oder Veranstaltungen. Das ist der Laden der anderen. Ich gehöre nicht dazu."

Analog würde – mit anderen Kritikpunkten – wohl auch das Selbstverständnis eines guten Katholiken im Blick auf die evangelische Kirche ausfallen, ebenso das Selbstverständnis eines freikirchlichen Christen im Blick auf die großen Volkskirchen. Ich begrüße die Ökumene, aber wirklich auf die anderen einlassen möchte ich mich nicht.

Ich bekenne, dass ich auch immer wieder so – man darf wohl nicht einmal sagen denke, sondern – fühle. Ja, das ist eine sehr emotionale Sache. Aber dieses Feeling ist nicht geistlich. Denn:

3. Es gibt nur eine Kirche – von Anfang an

Es gibt nur eine Kirche – von Anfang an. Die organisierten Kirchen dürfen sich eben nicht sehen wie konkurrierende Unternehmen, die das Ziel haben, den anderen Marktanteile wegzunehmen oder sie ganz abzuschießen. Sondern viel passender ist das Bild von mehreren Geschwistern, die sich zwar heftig und häufig streiten, die aber auch wissen: Wir gehören zu einer Familie, wir wohnen im selben Haus, wir haben denselben Vater, und wenn's wirklich um die Wurst geht, halten wir zusammen. Das wäre die neue (eigentlich alte) Sichtweise. Doch zuerst einmal zu den biblischen und geschichtlichen Grundlagen.

3.1. Der Apostel wäscht einer spaltungswilligen Gemeinde den Kopf

Wenn man die Kirchengeschichte oberflächlich ansieht, dann mag es so scheinen, als sei die Christenheit auf Erden bis zur großen Spaltung im 11. Jahrhundert 1 , eine echte, herzliche Einheit gewesen. Wenn man allerdings genau hinsieht, nimmt mahr wahr: Die Kirche ist schon in ihren allerersten Anfängen von Spaltungen bedroht gewesen. Bemerkenswert ist, dass sich die Apostel von Anfang an vehement für die Einheit der Kirche stark machen.

Schauen wir zunächst auf die streitbare Großstadtgemeinde Korinth. Denen schreibt der Apostel im ersten Korintherbrief 2 :"Ich ermahne euch..., dass ihr alle mit einer Stimme redet und lasst keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in einem Sinn und in einer Meinung. Denn es ist mir bekannt geworden über euch..., dass Streit unter euch ist." Und jetzt hören Sie einmal genau hin, worum es bei dem Streit geht: "Ich meine aber dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der dritte: Ich zu Kephas, der vierte: Ich zu Christus. Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft?

Was Paulus damals in Korinth für eine drohende Katastrophe erklärte, ist für uns heute allgemein akzeptierte Normalität: mehrere christliche Gemeinden an einem Ort.

Damals in Korinth hätten die Leute gerne Richtungsgemeinden aufgemacht: Die Paulaner, die Apollonianer und die Kephasianer. Heute haben wir uns daran gewöhnt zu sagen: Ich bin evangelisch, ich bin katholisch, ich bin freikirchlich – sozusagen konkurrierende Unternehmen.

Warum dies eine Katastrophe ist, begründet Paulus durch einen klaren, einfachen Gedanken: Christus ist unteilbar. Deshalb ist auch seine Gemeinde unteilbar.

Die Gemeinde ist der Leib Christi – so Paulus an anderer Stelle. Und Christus hat genau einen Leib.

Oder: Die Kirche ist eine Hausgemeinschaft ( = griech.: Oikumenä), deren Fundament Christus ist. Weil es dieses Fundament nur einmal gibt, kann es auch die Hausgemeinschaft nur einmal geben. Und das heißt: Alle Christen auf Erden sind Geschwister und gehören zum geistlichen Haushalt Jesu Christi.

Diese für uns neue Sichtweise ist, wie wir hier sehen, uralt. Und wir sollten sie in unser Hirn, in unser Denken und unser Fühlen eingravieren. Es ist eine geistliche Wirklichkeit.

3.2. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe...

Eine weitere Stelle findet sich im Epheserbrief3 :"...und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Geist, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen."

Da muss man gar nichts hinzufügen. Weil Gott, weil Christus, weil der Heilige Geist, weil die Taufe unteilbar ist, ist eben auch die Kirche unteilbar. 4

3.3. Das Apostolikum und Nizänum

Der apostolischen Vorlage folgen auch die grundlegenden Bekenntnisse der Kirche. Im apostolischen Glaubensbekenntnis (um 180 n.Chr.) heißt es: "Credo in spiritum sanctum, sanctam ecclesiam catholicam, sanctorum communionem..." Auch wer kein Latein kann, erkennt zwei Worte wieder: "catholicam" – was übersetzt soviel wie allumfassend oder weltweit heißt, sowie "communionem" – Kommunion, das bedeutet "Gemeinschaft". Übersetzt heißt die Passage: "Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige, weltweite Kirche, Gemeinschaft der Heiligen..." - Schade eigentlich und völlig überflüssig, dass wir heute auf evangelischer Seite übersetzen und bekennen: "die heilige, christliche Kirche", auf römisch-katholischer Seite hingegen: "die heilige, katholische Kirche". Eine für alle tragbare und unmissverständliche Übersetzung wäre: "die heilige, weltweite Kirche" 5 .

Für unser Thema wichtig an diesem Bekenntnis sind vor allem drei Punkte:

Erstens, dass vor der Kirche der Heilige Geist genannt wird. Die Kirche ist nicht menschliches Machwerk, sondern sie ist durch Gott selbst heruvorgerufen, sie ist Werk des Heiligen Geistes, der wirkt, wo das Evangelium klar und rein verkündet wird 6 . Wir können diesen Vorgang in Apostelgeschichte 2 nachlesen: Der Geist kommt auf die Apostel, Petrus predigt das Evangelium, die erste Gemeinde entsteht.

Zweitens, dass Kirche weltweit ist. Hier wird die Unteilbakeit der einen Kirche deutlich festgehalten.

Drittens, dass Kirche vor allen Dingen weder als Organisation, noch als Haus oder sonst etwas gesehen wird, sondern als communio sanctorum7 : als Gemeinschaft, als Gemeinde der Heiligen.

Das nizänische Bekenntnis (4. Jh. n.Chr.) baut die Aussagen des apostolischen weiter aus: "Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche. Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden." Wieder zuerst der Heilige Geist – hier sehr ausführlich – und dann die Kirche, deren Einheit und Apostolizität zusätzlich zum Apostolischen Glaubenbekenntnis ausdrücklich genannt wird. Ebenso die eine Taufe.

3.4. Das Augsburgische Bekenntnis

Ich mache einen Zeitsprung in die Reformationszeit. Hier ist besonders interessant die Rolle des Augsburger Bekenntnisses. Heute ist dieses Bekenntnis Teil der spezifisch lutherischen Bekenntnisschriften. Ursprünglich hatten die evangelischen Reichsstände dieses Bekenntnis von Philipp Melanchthon erarbeiten lassen und dem Kaiser auf dem Augsburger Reichtag 1530 vorgelegt, weil sie hofften, die Einheit im christlichen Abendland zu retten. Die Botschaft dieses Bekenntnisses sollte sein: "Wir sind keine andere Kirche, wir vertreten keinen anderen Glauben, sondern stimmen in den wesentlichen Punkten mit der Lehre der Apostel und der Kirche von Anfang an überein." Der Kaiser allerdings wollte oder konnte diese Botschaft nicht akzeptieren und lehnte ab. Damit war der Zerfall eines Großteils der Westkirche in römisch-katholische und evangelisch-lutherische Kirche besiegelt, ein Zerfall der uns bis heute prägt.

Hier ein paar Sätze zum Kirchenverständnis Martin Luthers. Er übersetzt das griechische Wort "ekklesia" im Neuen Testament meist mit Gemeinde 8 und legt damit denselben Schwerpunkt, wie schon die alten Bekenntnisse: Kirche ist Gemeinschaft, Gemeinde. In seinem Lied "Wir glauben all an einen Gott" (EG 183) sagt Luther über den Heiligen Geistes, dass er "... die ganz' Christenheit auf Erden hält in einem Sinn gar eben." - Bemerkenswert: Mitten in den Umbrüchen der Reformationszeit bekennt Luther, dass die Christenheit auf Erden durch den Geist Gottes eines Sinnes ist. Das heißt doch: Auch er hält an der geistlichen, biblischen Wirklichkeit von der einen, unteilbaren Kirche Gottes ganz klar fest.

Ebenso bemerkenswert ist, dass Luther die Unterscheidung von sichtbarer und unsichtbarer Kirche9 stark hinterfragt, die von den alten Kirchenvätern herkommt. Diese Unterscheidung besagt: Die eine, vom Geist Gottes geschaffene Kirche, an die wir glauben, ist leider unsichtbar. Es ist eine geistliche, für uns nicht greifbare Wirklichkeit. Greifbar und erlebbar ist die sichtbare Kirche. Die aber ist zerstritten, zerspalten und unvollkommen.

Eine solche Unterscheidung leuchtet zunächst ein. Stellt sie doch nüchtern dar, was wir sehen. Sie kann aber auch zur Ausrede werden, sich gar nicht erst um die Einheit der Christenheit zu kümmern, diese Einheit gar nicht erst ernst zu nehmen. Und das wäre ein fataler Fehler. Deswegen ist es für Luther wichtig, dass die vom Geist geschaffene eine, unteilbare Kirche prinzipiell durchaus sichtbar ist. Und deswegen redet er auch von der "ecclesia abscondita", also von der verborgenen Kirche, und nicht von der unsichtbaren. Nach Luther ist Kirche creatura verbi, d.h. geschaffen durch Gottes Wort. Deshalb sei auch überall, wo das Evangelium in rechter Weise gepredigt werde, Kirche vorhanden. 10 Denn - wie schon oben erwähnt und in Apg. 2 nachlesbar - bewegt der Heilige Geist Menschen dazu, das Evangelium zu predigen, aus solcher Verkündigung wiederum geht der Glaube hervor und damit auch die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden. Diese Gemeinschaft kann man an vielen Stellen wirklich sehen, an anderen freilich ist sie verborgen. Anders gesagt: Kirche ist "sichtbar und hörbar als Gemeinschaft leibhafter, sichtbarer und hörbarer Menschen"11 .

Ich erinnere an das Thema dieses Vortrags: "Es gibt nur eine Kirche – und die kann man sehen". Ich halte diese Erkenntnis für sehr wichtig, weil sie uns nämlich aus dem Zustand einer ökumenischen Lähmung heraushelfen kann, weil sie uns mobilisieren kann, in der von Gott gesetzten geistlichen Wirklichkeit, nämlich in seiner einen weltweiten Kirche, begeistert zu denken, zu fühlen und zu leben.

4. Die Gemeinschaft der Glaubenden ist real – Konsequenzen heute

Damit sind wir beim zweiten großen Hauptteil: Was heißt das für uns heute?

4.1. Die neue Sichtweise: Kirche geistlich sehen

Wir – damit meine ich nicht zuerst den Papst, sondern Sie und mich – sollten unser Selbstverständnis von Kirche gemäß der Lehre der Apostel konsequent erneuern:

Natürlich können wir die herkömmliche Sichtweise von Kirche nicht ganz ausradieren, denn sie spiegelt ja weltliche Gegebenheiten wider. Kirche ist auch Institution, und auf dieser Ebene ist Kirche derzeit gespalten. Ja, verschiedene Teilkirchen konkurrieren und ringen um Marktanteile. Aber das ist nicht das Wesentliche an Kirche, das ist dritt- und viertrangig. Es soll nicht mein Bild von Kirche bestimmen.

Sondern: Die geistliche Sichtweise muss ganz in den Vordergrund treten: Es gibt nur eine Kirche. Zu der gehören alle Christen in einer Ortschaft. Und weil sie, oder darf ich sagen wir alle zu Christus gehören und Christus unteilbar ist, gehören wir – geistlich gesehen - einer Gemeinde an, SEINER Gemeinde, sind Brüder und Schwestern einer einzigen Familie.

Ich bin mir sicher, dass allein ein solches Umdenken, wenn es konsequent durchgehalten wird, enorme Wirkung entfalten kann, auch wenn sich nach außen hin erst einmal gar nichts verändert.

4.2. Die Kirchenleitung darf den Schlusspunkt setzen

Und wie sollen wir umgehen mit den unterschiedlichen Kirchenorganisationen? Das kann man doch nicht einfach ignorieren! Ebenso mit den unterschiedlichen Lehrmeinungen. Die gibt es doch!

Ich halte nicht viel von populistischen, radikalen Ökumenikern, die Unterschiede der Lehrmeinung und der Kirchenorganisation mit Gewalt niederbügeln wollen. Vielmehr bin ich der Meinung, man sollte den Bischöfen und Professoren die Zeit lassen, die sie brauchen. Es gibt auch jetzt schon genügend Möglichkeiten und Ansatzpunkte, an denen die Unteilbarkeit der einen Kirche Jesu Christi manifest werden könnte.

Diese eine und unteilbare Kirche ist ja eine geistliche Wirklichkeit. Sie ist real. Sie ist gegeben. Wir müssen sie nicht erst produzieren. Deshalb können wir hier und heute auch in ihr leben, soweit Gottes Geist uns dazu befähigt. Stellen Sie sich das einmal vor: Eine Mehrheit des Kirchenvolkes lebt, denkt und fühlt im Sinne dieser geistlichen Wirklichkeit. Stellen Sie sich vor, Gottes Geist würde unter den Christen große Liebe, große Eintracht, große Glaubensfreude schaffen. Das würde früher oder später auch das Lehramt und die Kirchenleitung mitreißen.

Wahrscheinlich käme zunächst das Lehramt in die Gänge, also die Professoren und Doktoren. Diese versuchen ja, den gelebten Glauben in Worte zu fassen. Das gepredigte Evangelium und seine Konsequenzen werden durchdacht. Unklarheiten oder Schwierigkeiten versucht das Lehramt zu klären oder zu erklären. Hier sollte auf keinen Fall gepfuscht werden. Und jeder Handwerker weiß, dass solide Arbeit eben Zeit braucht. Ich persönlich stimme Friedrich Beißer zu 12 , dass die Teilkirchen mit neuem Eifer an Konsenserklärungen arbeiten sollten. Dabei müssten gar nicht alle Lehrunterschiede eingeebnet werden 13 . Diese dürften sogar herausgearbeitet werden. Zugleich könnte aber auch festgeschrieben werden, in wie vielen zentralen Punkten die jeweiligen Teilkirchen übereinstimmen. 14

Und überall, wo die Lehre soweit ist, könnte die konkrete Gestalt und Organisation der Kirche als Drittes folgen. Aber eine solche Wiedervereinigung wäre eine größere Baustelle – und deswegen sehe ich darin auch eher den letzten und nicht den ersten Schritt. Als Haupthürde sehe ich hier etwas sehr Menschliches: die Machtfrage. Welche Teilkirche würde um der Einheit willen auf Teile ihres Einflusses freiwillig verzichten wollen?

Die Leitung einer Behörde, auch einer Kirche ist in der Regel machtorientiert. Jesus Christus aber, das Haupt der Kirche, ist liebes- und dienstorientiert. Ich bin fest davon überzeugt: Jesus kann Wunder wirken. Sein Geist kann den Machthunger der Herrschenden brechen.

Das klingt ein wenig euphorisch. Meine Botschaft an dieser Stelle ist aber durchaus nüchtern: Ökumene kann nicht erst losgehen, nachdem Kirchenleitung bestimmte Schritte getan hat. Einheit der Kirche kann gelebt werden, und sowohl Lehramt als auch Kirchenleitung dürfen nachkleckern.

Kennen Sie das Gebet, dessen Kehrvers lautet: "...und fange bei mir an"? Was unser Thema anbelangt, lege ich uns dieses Gebet ans Herz: "Herr, erneuere deine Kirche, und fange bei mir an!"

4.3. Meine Kirche – deine Kirche

Eine gute gedankliche Übung mag es sein, sich mit der jeweils anderen Konfession zu identifizieren: Ich bin evangelisch. Bewusst mache ich eine Phantasiereise durch alles, was katholisch ist in meinem Wohnort. Ich mache mir klar: Das ist Teil der einen Kirche Gottes, es ist Teil der Kirche, zu der ich gehöre, es ist Teil meiner Gemeinde: Das katholische Gotteshaus meine, unsere Kirche; der katholische Pfarrer, mein, unser Pfarrer; das katholische Gemeindehaus, die katholischen Gruppen und Kreise, der katholische Kindergarten... Und natürlich auch umgekehrt. Können wir uns dazu überwinden, einfach einmal so zu denken, selbst wenn wir hier und da eine Gänsehaut bekommen? Das Zeugnis der Apostel von der einen, unteilbaren Kirche mag uns dazu anspornen.

4.4. Die evangelische und katholische Teilkirche der einen Kirche

Es ist logisch, dass jede größere Einheit in Unterabschnitte aufgeteilt wird, die organisatorisch selbständig sind, aber doch zusammengehören. Viele Konzerne haben z.B. mehrere, selbständig agierende Teilfirmen. Manchmal nennt man das auch Filialen.

Auch wenn die Kirche noch keine einheitliche Organisation mit Untergruppen ist, warum sollen wir unser Selbstverständnis nicht in eine solche Richtung bewegen:

Die eine Kirche Jesu Christi vor Ort ( = geistliche Wirklichkeit) hat eine katholische und eine evangelische Teilkirche, die jeweils organisatorisch selbständig sind. Weitere, der ACK 15 angehörende Kirchen könnte man ebenfalls in diese Gedanken einbeziehen.

4.5. Konkretionen

Aus dem veränderten Denken könnten verschiedenste Früchte hervorgehen. Hier kommt es allerdings sehr auf die Situation vor Ort an. Auch ist damit zu rechnen, dass der Weg Richtung Einheit schwierig sein wird und Widerstände zu erwarten sind, auch aus den Tiefen des eigenen Herzens. Erlauben Sie mir dennoch zu träumen und einige Möglichkeiten zu nennen:

  • Ab und zu gemeinsame Sitzungen des evangelischen Kirchenvorstands und des katholischen Pfarrgemeinderates
  • Gemeinsame Planung von Veranstaltungen
  • Ein ökumenischer Gemeindebrief und eine ökumenische Homepage
  • Gemeinsame Gebetskreise und Hauskreise
  • Ökumenische Gottesdienste
  • Kreuzweise Einladung zu Veranstaltungen der jeweils anderen Seite, ebenso ein geplanter Besuch von Veranstaltungen der anderen Seite.
  • Wo es sinnvoll ist, ein komplementäres Programm: Z.B.: Die einen machen Jugendarbeit, die anderen Seniorenarbeit.
  • Abkündigung von Kasualien der anderen Teilkirche.
  • ...
Ich glaube, wenn man diesbezüglich erst einmal anfangen würde, kämen ständig neue Ideen hinzu.

4.6. Schade, aber muss nicht sein...

Wie schon oben erwähnt, gibt es gewisse Dinge, die auf Dauer sehr wünschenswert wären, aber nicht sofort über den Zaun gebrochen werden müssen: Eine Verschmelzung der Organisationen z.B., ein gemeinsamer Bischof, ein gemeinsames Pfarramt, gemeinsame Pfarrer. Ich denke, all das wären eher die Schlussschritte.

Ähnlich ist es mit dem gemeinsamen Abendmahl. Natürlich lässt die geistliche Realität ein solches zu: Wir gehören ja zur einen, weltweiten Kirche! Ein gemeinsames Abendmahl wäre ein starkes Zeichen gegenüber Außenstehenden. Aber bitte nicht ohne die Kirchenleitung und das kirchliche Lehramt! Dann lieber noch warten und machen, was auch jetzt schon machbar ist, z.B.: Wenn Katholiken den evangelischen Gottesdienst besuchen und Gewissensvorbehalte haben, an der Kommunion teilzunehmen, könnten sie sich mit in den Kreis stellen und darum bitten, gesegnet zu werden. Dasselbe gilt umgekehrt: Wenn ein evangelischer Christ in einem römisch-katholischen Gottesdienst zur Kommunion möchte und dadurch das Gewissen des Katholischen Geistlichen beschweren oder die Gemeinde verwirren würde, kann er darum bitten, vom Pfarrer gesegnet zu werden.

Wenn das überall einreißen würde, wie lange würde es die hohe Kirchenleitung noch aushalten, den Christen die Abendmahlsgemeinschaft zu verwehren?

5. Noch ein Blick in die Urkirche

Um all dies zu untermauern, gestatten Sie mir noch einen Blick in die allererste Anfangszeit der Kirche. Auch dort kleckerten die Lehraussagen und die Organisation der Kirche dem gelebten Glauben, der Existenz einer Gemeinschaft der Glaubenden hinterher.

Die Reihenfolge – ich habe es oben schon zweimal erwähnt – war folgende gewesen:

Nachdem der Heilige Geist Petrus und die Apostel erfasst hatte, haben diese nicht zuallererst eine Organisationseinheit Kirche aufgebaut. Sie haben nicht zuallererst Vorsteher gewählt, sie haben nicht zuallererst den Boss bestimmt, sie haben nicht zuallererst eine Gemeindeordnung erstellt und Bedingungen für den Kircheneintritt oder – austritt entwickelt. Sie haben auch keine ausgefeilten Lehraussagen getroffen. Dazu kamen sie zunächst gar nicht. Und das war zunächst auch nicht wichtig.

Sondern: Sie haben gepredigt. Sie haben das Evangelium von Jesus Christus verkündet, und das wohl ziemlich spontan, ziemlich ungeschützt, so wie ihnen der Schnabel gewachsen war. Sie haben sich den Menschen zugewandt.

Als ihre Predigt wirkte, und Menschen zum Glauben kamen, hatten die Apostel alle Hände voll zu tun, die Neubekehrten zu taufen. Und dann haben die Apostel wieder gepredigt und gelehrt.

Organisatorische Maßnahmen waren offensichtlich dritt- und viertrangig. Sie wurden anlassbezogen getroffen, wo es nötig wurde. Und dort waren sie auch echte Lichtblicke und entlastend. Die Frage der Finanzen z.B.: die gemeinsame Kasse in der Urkirche, von der alle lebten und Notleidende unterstützen konnten, war in den Händen der Apostel. Sodann: Die Trennung von Verkündigungsdienst und diakonischem Dienst (Apg 6), die notwendig wurde, weil die Apostel beides nicht mehr schafften. Ein weiteres Thema war die Alimentierung der Apostel, auf die Paulus einmal hinweist.

Es ist falsch, wenn wir heute Kirche in erster Linie als Institution sehen. Kirche ist zuallererst Gemeinschaft der Glaubenden, ist zuallererst Werk des Heiligen Geistes, und dann – drittens und viertens – auch eine Institution.

Bemerkenswert an der Urkirche ist auch das vorbildliche Ringen um Einheit auf dem sogenannten Apostelkonzil (Apg 15). Auch hiert drohte die Kirche zu zerreißen. Durch die Missionstätigkeit des Apostels Paulus, waren in Kleinasien und anderswo christliche Gemeinden entstanden, die überwiegend aus Nichtjuden bestanden. Das bedeutete, dass diese sogenannten Heidenchristen auch viele jüdische Bräuche, wie z.B. die Beschneidung und anderes nicht praktizierten. Für die Urgemeinde in Jerusalem, die aus jüdisch lebenden Menschen bestand, ein echtes Problem, um nicht zu sagen, ein Kulturschock. Auf dem Apostelkonzil beriet man nun, wie man mit diesen neuen Gemeinden umgehen solle.

Was damals nicht einmal ansatzweise in Frage gestellt wurde, war die Rechtmäßigkeit der Organisation jener neuen Gemeinden in Kleinasien 16 . Wenn man so will, waren das ja freie, den Jerusalemer Aposteln, dem Petrus organisatorisch nicht unterstellte Gemeinden. Vielleicht sollte der Papst heute es an diesem Punkt einfach so machen wie Petrus damals, dessen Nachfolger er ja sein will: Andere Gemeinden als Teil der Weltkirche anerkennen, auch wenn sie ihm nicht unterstehen. Paulus als Missionar war nachweislich nicht von Petrus abhängig (vgl. Galater 1und 2).

Diskutiert wurde auf dem Apostelkonzil auch nicht der Glaube jener Neuchristen. Vielmehr stellte man fest, dass es ein- und derselbe Glaube sei.

Diskutiert wurden vielmehr kulturelle Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden. Es wurde diskutiert, wie weit der Glaube mit vorgegebenen Traditionen verwoben ist, inwieweit beides untrennbar ist, und ob derselbe Glaube auch im Umfeld völlig anderer Traditionen noch Gültigkeit haben kann. Damals ging man sehr weit. Den Judenchristen muss das richtig weh getan haben. Aber man traf die Entscheidung: Der lebendige Herr Jesus Christus und der Glaube an ihn sind konstitutiv für die Kirche, die lieb gewordenen Traditionen hingegen sind bis auf wenige Ausnahmen relativ.

Ich stelle mir vor, die Apostel würde heute ein ähnliches Konzil veranstalten, auf dem es um die Vereinbarkeit von evangelischer und katholischer Kirche ginge. Ich stelle mir vor, die Frage der Kirchenorganisation wäre - wie damals – gar kein Diskussionspunkt. Ich stelle mir vor, typisch katholische und typisch evangelische Traditionen würden auf ihre Kompatibilität geprüft. Ich stelle mir vor, es würde – wie damals – geprüft, ob evangelische und katholische Christen auf denselben Jesus Christus ihr Vertrauen setzten und vom selben Heiligen Geist Gottes erfüllt seien.

Ich glaube, die Apostel würden nicht sehr lange brauchen, um die Einheit unserer Teilkirchen zu erklären.

6. Literatur

Friedrich Beißer: Der christliche Glaube, Neuendettelsau 2008, Band 4

Bastian Basse: Die Ekklesiologie Martin Luthers, heruntergeladen am 5.7.2010 von http://www.bassenetz.de/files/kg_luthers-ekklesiologie.pdf

1 In diesem Jahrhundert trennten sich West- und Ostkirche endgültig.
2 1. Korinther 1,10-13
3 Epheser 4,3-5
4 Freilich kann es sein, dass eine Gruppierung sich von den zentralen Glaubensaussagen entfernt, z.B. lehrt, Jesus Christus sei nicht Gottes Sohn, er sei nicht für uns am Kreuz gestorben. In einem solchen Fall wäre es angezeigt, sich von dieser Gruppierung zu trennen. Sie wäre nicht mehr Kirche, würde nicht mehr zur großen Familie Jesu Christi gehören.
5 So schlägt es z.B. auch Friedrich Beißer vor.
6 Dieser Gedankengang ist übrigens für Luthers Kirchenbegriff kostitutiv. Siehe 3.d)
7 Über die treffende Übersetzung dieses Begriffes könnte man grammatikalisch streiten, siehe Beißer S.85f. Ich halte aber, wie auch Beißer, die intuitivste, einfachste Übersetzung für die wachrscheinlichste: "Gemeinschaft der Heiligen" im Sinne von Gemeinschaft aller Christen weltweit.
8 Man beachte, dass diese Übersetzung sogar vor alttestamentlichem Hintergrund äußerst plausibel ist. So wurde in der Septuaginta, einer vorchristlichen Übersetzung des AT vom Hebräischen ins Griechische, das hebräische Wort "Kahal" (= Gemeinde) durch das griechische Wort "ekklesia" wiedergegeben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Sprachgebrauch im NT fortgesetzt wurde, und deshalb "ekklesia" tatsächlich am besten mit Gemeinde zu übersetzen ist.
9 Lateinisch: "ecclesia visibilis" und "ecclesia invisibilis"
10 Die reine Evangeliumspredigt und die stiftungsgemäße Verwaltung der Sakramente Taufe und Abendmahl sind die "notae ecclesiae", die Merkmale, an denen Kirche erkennbar ist.
11 So Professorin Dorothea Wendebourg bei Basse, S.4f.
12 Beißer, S.216f.
13 Ich möchte hier nur erwähnen, dass es auch innerhalb von Kirchenorganisationen zu Lehrauseinandersetzungen kommt.
14 Dokumente dieser Art sind z.B. die Leuenberger Konkordie von 1973 oder die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999. Es handelt sich hierbei um Meilensteine, aber noch nicht um den großen Durchbruch.
15 Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen. Darin ist eine Vielzahl von Kirchen benannt, die sich gegenseitig als christlich anerkennen. Man könnte auch sagen: Es handelt sich hier um den kleinsten ökumenischen Nenner.
16 Wieder ein Beleg für die Drittrangigkeit der Kirche als Institution.