Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19,10

Wie solide ist die Kritik an der Glaubwürdigkeit der Evangelien?

Historisch-kritische Analyse erschüttert die geschichtliche Glaubwürdigkeit der Evangelien kaum.

Teilbereiche der historischen Kritik untermauern die Zuverlässigkeit der Evangelien (Textkritik, Einleitungswissenschaften). Teilbereiche, die die Evangelien hinterfragen, weisen keine einheitlichen Ergebnisse auf (Formkritk, Quellenkritik). Sie sind z.T. hoch spekulativ und dadurch unwissenschaftlich. Für Rekonstrutionen werden oft fragwürdige Parameter vorausgesetzt.

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Inhaltsübersicht


1. Vorbemerkung

Im nachreformatorischen Abendland wagte niemand, die Bibelöffentlich zu hinterfragen. Erst im 18.Jh. brach heftige Kritik hervor, verbunden mit den Namen H.S.Reimarus, G.E.Lessing1 , J.S.Semler und in deren Gefolge vielen anderen. Die seitdem sich etablierende historisch-kritische Forschung hat im Laufe ihrer nunmehr 200-jährigen Geschichte verschiedene Teildisziplinen entwickelt. Von allen Seiten wurde die Bibel auf ihre Stimmigkeit überprüft.

Für den Bereich der vier Evangelien werde ich im Folgenden die wichtigsten Teildisziplinen darstellen. Ich werde zeigen, dass die Teildisziplinen die Glaubwürdigkeit der Evangelien entweder stützen, oder aber mit meist sehr kritischen Thesen auf wackeligem Grund stehen.

2. Wie genau kennen wir heute den Urtext der Evangelien? (Textkritik)

2.1. Aufgabe der Textkritik

Tausende von alten Handschriften bewerten, vergleichen und daraus den wahrscheinlichen Urtext des Neuen Testaments rekonstruieren. 2

2.2. Ergebnis

Die vielen alten Handschriften 3 , die irgendwo im Bereich des damaligen Imperium Romanum gefunden oder in Klöstern entdeckt wurden, stimmen fast wörtlich überein. Abweichungen sind nur in den wenigsten Fällen sinnverändernd. Anhand klarer Kriterien4 kann meistens der ursprüngliche Text ermittelt werden.

Das heißt: Der Urtext der Evangelien, wie er irgendwann zwischen 50 und 100 nach Christus 5 niedergeschrieben worden ist, liegt uns heute nahezu wörtlich vor.

3. Wann, von wem und unter welchen Umständen sind die Evangelien geschrieben worden? (Einleitungswissenschaften)

3.1. Der Zweifel schmilzt

Stellen Sie sich vor, ein Architekt sieht einen Dachstuhl und urteilt spontan: Alles total morsch! Nun werden Proben entnommen, die allesamt gesundes Holz zutage fördern. Der Architekt muss umdenken.

So ist auch die Tendenz in den Einleitungswissenschaften: Vor 200 Jahren hatte man über die Evangelien geurteilt: Total unzuverlässig! Frühestens 150 nach Chr. entstanden, ohne glaubwürdige Quellen, ohne Ortskenntnisse 6 , fernab vom Zeugnis der Augenzeugen.

Doch dann kamen zufällige Details ans Licht, z.B.:
  • Ein Papyrusschnipsel etwa aus dem Jahr 125 n.Chr., auf dem Teile des Johannesevangeliums stehen7 .
  • Die archäologische Entdeckung des Teiches Siloah mit fünf Säulenhallen, der in Johannes 5 treffend beschrieben ist.8
  • Die Bestätigung vieler Orts- und Namensangaben bei Lukas.
  • ...
Man zog die wissenschaftlichen Konsequenzen: Die Datierung wurde immer früher angesetzt und damit die Wahrscheinlichkeit, dass in den Evangelien authentische Berichte vorliegen.

3.2. Wann entstanden die Evangelien?

Die Wissenschaft ist sich einig, dass das erste Evangelium spätestens bis 70.n.Chr. fertig gewesen ist. Näheres zur Datierung siehe 9 und 10 (Punkt 2).

3.3. Von wem wurden die Evangelien geschrieben?

Anfänglich siedelte man die Autoren der Evangelien irgendwo im Bereich der späteren Gemeinden an. Zahllose Hypothesen setzten auf Abstand und Entfremdung vom historischen Jesus.

Die zeitnahe Datierung (siehe 3.2) und andere Indizien (siehe 3.1) machen indes die unmittelbare Mitwirkung von Augenzeugen immer wahrscheinlicher.11 Damit sind die lange Zeit belächelten Angaben von Kirchenvätern wieder aktuell. Danach wurde das Matthäus- und Johannesevangelium von den gleichnamigen Aposteln verfasst, das Markus- und Lukasevangelium von Apostelschülern 12 .

4. Was geschah, bevor erste Schriftstücke entstanden? (Formkritik)

Zwischen den beiden Weltkriegen entwickelte sich die Teildisziplin Formgeschichte. Ihre beiden bedeutendsten Vertreter waren M.Dibelius und R.Bultmann.

4.1. Grundthese der Formkritik

Die Jesusgeschichten seien in einem langen Prozess von Mund zu Mund weitererzählt worden. Sie hätten immer legenden- und mythenhaftere Züge angenommen. Die spätere Gemeinde habe Lehraussagen untermauert, indem sie passende Geschichten über Jesus erfunden habe. Es seien anlassbezogene Formen entstanden. So habe man z.B. Wundergeschichten erfunden, um Jesus als den Gottessohn zu preisen. Die Evangelien enthielten daher viele "unechte" Jesusworte. Für die Gemeinde habe der geglaubte Christus im Mittelpunkt gestanden, während der historische Jesus kaum von Interesse gewesen sei.

4.2. Es wurden falsche Parameter vorausgesetzt

Diese Rekonstruktion baut auf verschiedenen Parametern auf, die fast durchweg fragwürdig sind:

4.2.1. Es gebe keine Wunder.

Angeblich leben wir in einem geschichtlichen Kontinuum, das nicht durch übernatürliche Vorgänge durchbrochen werden könne. Das wisse jeder aufgeklärte, klar denkende Mensch heute.

Gegenargumente:
  • Diese Festlegung ist unwissenschaftlich und eng. Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie offen ist für Neues und Unerwartetes, wie z.B. Wunder.
  • Die Mehrheit der klar denkenden Menschen rechnet mit Übernatürlichem. Deshalb boomt das Geschäft der Wahrsager und Astrologen ebenso wie die ganze Esoterikbranche und der Betrieb katholischer Wallfahrtsorte. Charismatische Gemeinden wachsen rasant. Parapsychologie, Film und Kunst thematisieren Übernatürliches. Und etwa die Hälfte der Deutschen glaubt immer noch, dass nach dem Tod etwas kommt13 .

4.2.2. Langer Prozess mündlicher Überlieferung

und Bildung von Mythen und Legenden.

Gegenargumente:
  • Die Zeit war viel zu kurz für Mythenbildung14 .
  • Die zwölf Apostel kannten Jesus nicht nur, sie hatten ihn während seines ganzen mindestens einjährigen Wirkens persönlich begleitet. Das bedeutete ca. 400 Tage Jesus beobachten, auf ihn hören, fragen, von ihm lernen. Und das als Hauptberuf Tag und Nacht.
  • Nur 50 Tage nach Jesu Tod entstand die Urgemeinde in Jerusalem. Ab da berichteten die Apostel (und andere Augenzeugen) wohl täglich, was sie mit Jesus erlebt hatten. Als das erste Evangelium aufgeschrieben wurde, waren die Apostel, soweit sie nicht den Märtyrertod erlitten hatten, 60 Jahre alt oder jünger.
  • Die Evangelien sind formal in der Regel sehr schlanke, trockene Erzählungen. Sie haben literarisch kaum Ähnlichkeiten mit Mythen und Legenden.
  • Wir sind heute verschriftlicht. Eine Flut von Zeitungen, Werbung, Büchern, Emails und anderen Nachrichten strömt auf uns ein. Zur Zeit Jesu war Schreibmaterial eine Kostbarkeit. Der Alltag ereignete sich mündlich. Schüler lernten die Lehre ihres Rabbi wörtlich auswendig. "Mündlich" hieß nicht "unzuverlässig".

4.2.3. Gemeindelehre sei in die Form von fiktiven Jesusgeschichten gegossen worden

Gegenargumente:
  • Die von der Formkritik postulierten typischen Formen sind gar nicht so eindeutig. Denn erstens sind sie sehr zahlreich, zweitens gibt es zahllose konkurrierende Forschungsmeinungen, und drittens sehr viele Ausnahmen und Abweichungen.
  • Die postulierten Formen sind manchmal sehr banal. Die typische Form "Wundererzählung" habe z.B. folgende Bestandteile: Situationsschilderung, Hinführung zum Wunder, Wunderhandlung und Feststellung des Wunders. Ich frage: Hat nicht jede Erlebniserzählung einen Anfang, einen Hauptteil und einen Schluss? Und wie hätte man denn sonst ein tatsächlich geschehenes Wunder Jesu erzählen sollen? Man führt in die Situation ein, erklärt, wie sich diese Situation auf das Wunder hin entwickelt, schildert die Wunderhandlung selbst und schließt die Erzählung ab.
  • Wir haben in den Briefen des NT und in Texten früher Kirchenväter (z.B. der Didache) hunderte von Seiten originaler Gemeindelehre vorliegen. Nirgends dort findet sich ein Beispiel für Lehre im Gewand von Jesusgeschichten, wie sie die Formgeschichtler postulieren.
  • Für die Apostel und die ersten Christen war Jesus Herr, Meister, oberste Autorität. Sollten sie tatsächlich so respektlos gewesen sein, Jesus ihre eigenen Gedanken in den Mund zu legen?
  • Geschichten haben im Laufe ihrer mündlichen Weitergabe die Tendenz, ausgeschmückt und verallgemeinert zu werden. Die Perikopen der Evangelien werden hingegen karg und knapp erzählt und sind sehr konkret.

4.2.4. Den Evangelisten sei es um den Christus des Glaubens gegangen, nicht um den historischen Jesus

Gegenargumente:
  • Die Evangelisten selbst beteuern das Gegenteil. Sie wollten in ihren Evangelien die soliden, geschichtlichen Grundlagen wiedergeben, auf die der Glaube zurückgeht. Weiteres siehe 15 und 16 (Punkt 1.1).
  • Die Evangelien bringen viele historische Details: Namen, Orte, Fakten. Oft sind es Fakten, die für die Erzählung selbst unwesentlich sind. Für Lehrerzählungen wäre das alles unnötiger Ballast. Zeitzeugen jedoch, die historische Tatsachen verlässlich weitergeben, erinnern sich eben auch an solche Details.

4.2.5. Echte und unechte Jesusworte werden unterschieden.

Gegenargumente
  • Hier ist der Willkür Tor und Tür geöffnet. Die Forschungsgeschichte zeigt: Jeder filtert diejenigen Jesusworte heraus, die ihm passen. Kriterien, soweit vorhanden, sind sehr schwammig.
  • Einige stellen das Kriterium auf: nur was völlig untypisch für die Zeit, Religion, Umwelt und Denkweise des Unrchristentums sei, sei echtes Jesuswort. Das ist zwar ein klares Kriterium, doch wird hier falsch herum gedacht: Natürlich war Jesus auch Kind seiner Zeit. Natürlich tat und dachte er auch Dinge, die für damals typisch waren.
  • Nochmals sei daran erinnert: Augen- und Zeitzeugen waren gegenwärtig! Ihr Zeugnis floss in die Evangelien ein, die daher wohl überwiegend echte Jesusworte enthalten.

4.3. Verdienste der Formkritk

Trotz allem hat die Formkritik dazu beigetragen, manches klarer zu sehen, z.B.:

  • dass Einzelepisoden oft die Grundbausteine sind, aus denen die Evangelien zusammengesetzt wurden.
  • dass die Evangelisten überlegt haben werden, wie sie die Stofffülle filtern und ordnen.
  • dass die Evangelien einem Zweck dienten: nämlich dem Glauben der Gemeinde, dessen (allerdings historische, nicht fiktive) Grundlagen sie darlegten.
Die letzten beiden Punkte leiten bereits über zur nächsten Teildisziplin: der Redaktionskritik.

4.4. Konsequenz

Die Formkritik der Evangelien ist nicht überzeugend. Falsche Voraussetzungen haben zu falschen Ergebnissen geführt. Die geschichtliche Glaubwürdigkeit der Evangelien wird nicht erschüttert.

5. Welche Akzente haben die Schreiber der Evangelien gesetzt? (Redaktionskritik)

Die Redaktionskritik, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, baut gedanklich auf der Formkritik auf, setzt aber neue Schwerkpunkte. Vertreter dieser Teildisziplin sind z.B. G.Bornkamm17 und H.Conzelmann.

5.1. Leitfragen der Redaktionskritik

Die Evangelien, wie sie uns heute vorliegen, werden positiv gewürdigt. Wie sind die Redaktoren (=Evangelisten) mit dem ihnen überlieferten Stoff umgegangen? Welche Akzente haben sie gesetzt? Was ist ihre Botschaft? Eine Schlüsselrolle für diese Fragerichtung spielen die drei synoptischen Evangelien und das synoptische Problem:

5.2. Das synoptische Problem (Quellenkritik)

5.2.1. Worum geht es?

Die drei synoptischen Evangelien18 stimmen in bestimmten Passagen fast wörtlich überein, beinhalten aber auch viel Sondergut.19 Wie kam es zu diesem Mix ausÄhnlichkeit und Verschiedenheit?

Vom Vergleich und der Analyse der synoptischen Evangelien erhoffte man sich einen Einblick in die Werkstatt der Redaktoren. Würde es gelingen, gemeinsame Quellen zu rekonstruieren und dann zu zeigen, wie der jeweilige Evangelist der jeweiligen Quelle seine persönliche Note aufgesetzt hat?

5.2.2. Forschungsergebnisse

Fast alle denkbaren Möglichkeiten gegenseitiger Einflussnahme der Evangelien werden (oder wurden) in der Forschung ernsthaft vertreten (Details siehe 20 ). Und das heißt: Man kann zwar in jede Richtung spekulieren und Vermutungen anstellen, Sicheres aber weiß man nicht.

5.2.3. Warum das synoptische Problem unlösbar ist

Bis auf Weiteres wird das synoptische Problem auch unlösbar bleiben, da zu viele weiche Faktoren mitschwingen:
  • Wir kennen die Quellen der Evangelisten nicht wirklich, sondern können allenfalls vermuten und spekulieren.
  • Das gilt insbesondere auch für die Logienquelle Q, aus der möglicherweise Matthäus und Lukas gemeinsam geschöpft haben. Niemand hat diese Quelle bisher gesehen, sie wird lediglich postuliert21 .
  • Haben die Evangelisten ausführliches Material gekürzt, oder knappe Berichte ausgeschmückt? Niemand weiß das wirklich.
  • Auch die meisten Anfragen, die unter 2. (Einleitungswissenschaten) und 3. (Formkritik) vorgebracht wurden, spielen hier eine Rolle22 .

5.3. Anfragen an die Redaktionskritik

Auch was die Redaktionskritik selbst betrifft, gibt es etliche Kritikpunkte:
  • Folgefehler: Wer bei einer komplizierten Rechnung am Anfang einen Fehler macht, kommt zum falschen Ergebnis, selbst wenn er richtig rechnet. Weil die Redaktionskritik auf der Formkritik aufbaut, trägt sie die dort gemachten Fehler mit weiter.
  • Die Redaktoren selbst erklären ihre Tätigkeit (v.a. in Luk 1,1-4, siehe 23 ): sammeln, prüfen, auswählen, ordnen. Diese Selbsterklärung müsste Grundlage aller Redaktionskritik sein. Mit welchem Recht ignoriert man diese Selbsterklärung und ersetzt sie durch andere Hypothesen?
  • Die Redaktoren erklären auch: (v.a. in Luk 1,1-4, siehe24 ): Wir geben zuverlässige geschichtliche Tatsachen wieder, weil diese für den Glauben relevant sind. Mit welchem Recht behauptet man das glatte Gegenteil, nämlich dass die Redaktoren Jesusgeschichten und Jesusworte zum Zwecke der Verkündigung erfunden oder übermalt hätten?
  • Was ureigenst und typisch Jesus sei, was hingegen typisch für die spätere Gemeinde, wird zwar festgestellt, in der Regel aber nicht begründet. Es gibt keine klaren Kriterien, nach denen eine solche Unterscheidung vorgenommen wird. Daher sind Rekonstruktionen (wie schon in der Formkritik) hoch spekulativ.
  • Im Judentum behandelte man die Worte großer Lehrer sehr respektvoll und bewahrte sie möglichst rein. Warum soll die Gemeinde (bzw. die Evangelisten) es mit den Worten Jesu anders gemacht haben?
  • Oft wird behauptet, die Redaktoren der Evangelien wollten keinen zeitlichen Ablauf, geschweige denn eine Biographie schreiben. Bezogen auf Einzelperikopen mag das richtig sein. Der Gesamtaufriss der Evangelien folgt aber sehrwohl einer zeitlichen Ordnung: (Geburt Jesu - ) Taufe durch Johannes - Wirken Jesu - Leidensgeschichte - Tod - Auferstehung. Das ist ein klarer Zeitablauf.

5.4. Verdienste der Redaktionskritik

  • siehe 4.3) : Verdienste der Formkritik
  • Die Endfassung der Evangelien wird gewürdigt.
  • Versuch, die Arbeit der Evangelisten zu verstehen.
  • Charakteristika der einzelnen Evangelien werden herausgearbeitet.

6. Konsequenz:

kein Grund zum Zweifel an der historischen Glaubwürdigkeit der Evangelien

Die Ansätze, Theorien und Hypothesen der Redaktionskritik (incl. der Quellenkritik) sind sehr unterschiedlich, gehen meist von fragwürdigen Grundannahmen aus und sind eher intuitiv, weniger aber logisch argumentativ. Keineswegs sind sie geeignet, die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien in Frage zu stellen.

7. Eine alternative Rekonstruktion

Könnte es nicht einfach so gewesen sein:

Die Apostel begleiteten Jesus während seiner mindestens einjährigen Wirksamkeit. Als seine Schüler prägten sie sich Jesu Worte und Gleichnisse ein, fragten nach und diskutierten mit ihm. Gewisse Details, wie z.B. örtliche Besonderheiten, Tageszeiten usw. merkten sie sich zusammen mit bestimmten Ereignissen. Natürlich führten sie kein Tagebuch. Deshalb konnten sie später viele Ereignisse zwar getreu wiedergeben, ohne deren zeitliche Abfolge immer genau rekonstruieren zu können. Zusammen mit anderen beobachteten sie Jesu Taten und Wunder, waren Augenzeugen seiner Lehr- und Streitgespräche. Bis zu ihrer Flucht erlebten sie auch die Leidensgeschichte Jesu mit, für deren Einzelszenen es aber auch genug andere Augenzeugen gab. Schließlich begegnete den Aposteln und anderen Jesus überraschend als der Auferstandene.

Schon 50 Tage später begannen die Apostel zu predigen. Das heißt: An Worte, Taten und vor allem die Leidensgeschichte Jesu zu erinnern, die Auferstehung Jesu zu bezeugen, ihn als den Messias Gottes zu verkündigen und zum Glauben aufzurufen. Offensichtlich war diese Botschaft für viele glaubwürdig. Sie ließen sich taufen. Die erste Gemeinde in Jerusalem entstand. Von diesem Tag an werden die Apostel täglich von Jesus erzählt haben und seine Lehre wiedergegeben haben. Die Erinnerung war noch sehr frisch. Durch das ständige Erzählen (=Wiederholen), Nachfragen durch die Gemeinde und die gegenseitige Kontrolle der Apostel 25 gab es von Anfang an keine Chance zum Vergessen oder Verfälschen.

In den nächsten zwei Jahrzehnten nahmen viele hundert Gemeindeglieder die Lehre der Apostel auf und eigneten sich so Wissen über Jesus aus erster Hand an. Maßstab waren natürlich die Augenzeugen.

Als sich der Glaube immer weiter ausbreitete, erste Apostel den Märtyrertod starben, die politische Lage unsicherer wurde, die Apostel immer älter wurden und man befürchten musste, das lebendige Zeugnis der Apostel mit deren Tod für immer zu verlieren, wird man begonnen haben, unter Leitung von Aposteln wesentliches aufzuschreiben, und zwar in einer übersichtlichen, gut nachvollziehbaren Form.26 Die Evangelien entstanden. Historische Fakten hat man dabei möglichst genau überprüft und getreu wiedergegeben. Die getroffene Auswahl, die Art zu erzählen und erläuternde Anmerkungen verraten manchmal etwas über den Charakter des Evangelisten oder den Erfahrungshorizont des Zuhörerkreises.27 Ganz im Mittelpunkt steht aber immer das Erzählte. Und wir dürfen damit rechnen, dass es uns sehr wahrheitsgetreu erzählt wird.

1 Lessing veröffentlichte in einer Zeitschrift posthum bibelkritische Schriften des Reimarus.
2 Institut für neutestamentliche Textforschung * Homepage der Herausgeber des Novum Testamentum Graece, der wissenschaftlichen Urtextausgabe des NT (http://www.uni-muenster.de/NTTextforschung/)
3 Handschriften der Evangelien * Überblick über die verschiedenen uns heute vorliegenden Handschriften des NT (Evv_Handschriften.pdf)
4 z.B. typische Abschreibfehler wie Doppelungen, Auslassungen, Vertauschungen können oft genau nachvollzogen werden.
5 Zur Datierung siehe Punkt 3.2.
6 So wurde z.B. Jerusalem 70 n.Chr. von den Römern zerstört. Die Evangelisten hätten im Jahre 150 n.Chr. daher nicht mehr viel von dieser ehemaligen Stadt wissen können.
7 Ausgerechnet vom Johannesevangelium hatte man behauptet, es sei das weitaus späteste und unzuverlässigste der vier Evangelien.
8 Bis dahin hatte man fest behauptet, einen Teich dieser Bauart könne es in Jerusalem gar nicht gegeben haben.
9 Wann sind die Evangelien entstanden? * Es gibt frühe und späte Datierungsansätze. Zeitkorridor: zwischen 50 und 100 n.Chr. (Evangelien_Datierung.pdf)
10 Siehe Thema: Wie zuverlässig sind die Evangelien? * Die Evangelien sind in hohem Maße zuverlässig. (http://www.glauben-und-fragen.de/?id=D&Thema=3)
11 Noch 61 Jahre nach der Ermordung Dietrich Bonhoeffers berichtet sein Neffe als Zeitzeuge von persönlichen Begegnungen mit Bonhoeffer. Die Evangelien wurden 40 Jahre nach der Kreuzigung Jesu oder sogar früher verfasst.
12 Irenäus von Lyon * Bischof Irenäus von Lyon starb zwar erst 190 n.Chr., hatte aber sehr gründlich über das Leben Jesu recherchiert. (Irenaeus_von_Lyon.pdf)
13 So besagt eine repräsentative Umfrage des Sonntagsblattes, nur 53% der Befragten glaubten, nach dem Tod sei alles aus. Und nach einer Umfrage von Chrismon glaubten im Jahre 2003 21% der Befragten, Jesus sei leibhaftig von den Toten auferstanden.
14 Man hat die Formgeschichte aus der alttestamentlichen Forschung, wo es tatsächlich um Jahrhunderte mündlicher Überlieferung ging, zu Unrecht auf die Evangelien übertragen.
15 Absicht der Evangelisten * Die Evangelisten wollten gesichterte Tatsachen niederschreiben, damit der Glaube an Jesus Christus Hand und Fuß hat. (Absicht_der_Evangelisten.pdf)
16 Siehe Thema: Wie zuverlässig sind die Evangelien? * Die Evangelien sind in hohem Maße zuverlässig. (http://www.glauben-und-fragen.de/?id=D&Thema=3)
17 z.B.: Günther Bornkamm: Jesus von Nazareth, 13.Aufl. Stuttgart 1983
18 Matthäus, Markus und Lukas
19 Das sind Inhalte, die nur von einem oder zwei Evangelien überliefert werden.
20 Synoptisches Problem * Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas? Artikel in Wikipedia. Die freie Enzyklopädie. (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Synoptisches_Problem&oldid=12467218)
21 Gerade im Bereich der Lehraussagen Jesu ist es durchaus denkbar, dass die Jünger analog Rabbinenschülern Passagen auswendig gelernt hatten.
22 Datierung der Evangelien; Einfluss von Augenzeugen usw.
23 Absicht der Evangelisten * Die Evangelisten wollten gesichterte Tatsachen niederschreiben, damit der Glaube an Jesus Christus Hand und Fuß hat. (Absicht_der_Evangelisten.pdf)
24 Absicht der Evangelisten * Die Evangelisten wollten gesichterte Tatsachen niederschreiben, damit der Glaube an Jesus Christus Hand und Fuß hat. (Absicht_der_Evangelisten.pdf)
25 Was einer erzählte, hörten die anderen elf. Sie konnten es ergänzen oder auch korrigieren.
26 Wir kommen hier etwa in die Zeit zwischen 50 und 70 n.Chr., in die hinein die Evangelien tatsächlich datiert werden, siehe 3.2.
27 Wenn z.B. in Matthäus 27,46 ein aramäischer Ausspruch Jesu ins Griechische übersetzt wird, wird man wohl davon ausgehen können, dass der Adressatenkreis des Matthäusevangeliums mehrheitlich kein Aramäisch verstand.